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Band 2 – «Nach Russland zu neuen Landereien», - Johann Vogt-Wagner    
Band 2 – «Nach Russland zu neuen Landereien», - Johann Vogt-Wagner

Der kurvenreiche, stellenweise steil abfallende Weg zum Adamsfeld führte durch einen Eichenhain, zog sich dann an einem kleinen See entlang, an dessen steilem Ufer sich eine hundertjährige Eiche erhob, und verlief danach als gerade Linie weiter, die untere Grenze eines abgemessenen Landstücks markierend. Die Jahre gingen hin, ohne besondere Veränderungen in der Landschaft zu hinterlassen: derselbe Weg, derselbe Hain, derselbe See mit dem weit verzweigten Baum … Und auch dasselbe Stück Land. Nur die Eiche wurde immer höher und breiter, und das Feldstück ging von Adam an Ludwig über, von Ludwig an Jakob und von Jakob an dessen Sohn Alexander. Unter der Eiche stand eine grob gezimmerte Bank, anfänglich ein Lieblingsplatz des alten Adam; später wurde das steile Ufer zum beliebten Treffpunkt der Dorfkinder. Der Grund dafür war ein Seil, das an einem kräftigen, sicheren Ast des Baumriesen befestigt war und ein immer wiederkehrendes Spiel ermöglichte, dessen sie niemals überdrüssig wurden: vom Abhang aus schwungvoll über dem Wasser zu schaukeln und dann weit in das Wasser hineinzuspringen, an das flache Ufer zu schwimmen und wieder hinauf zu laufen, um das Spiel zu wiederholen. So wurde der See auf Deutsch auch genannt: Steilufersee, die Eiche aber erhielt den Namen Alter Adam.

Wie die Eiche, wuchs und verzweigte sich auch Adams Familie, und hundert Jahre nach jener Zäh-lung von 1798, die neun Familienmitglieder festge-stellt hatte, lebten in Glarus bereits 124 direkte Nachkommen von Adam; weitere 57 waren in um-liegende Dörfer gezogen. In Glarus bewohnten die Wagners fünf Häuser: vier davon waren große „Fünfwänder“, und in dem fünften, einem normalen, einst von Adam selbst erbauten Haus lebten jetzt die Familien seiner Urenkel Alexander und Karl. Es versteht sich von selbst, dass zu jener Zeit von Adams ursprünglichem Haus kein Balken mehr übrig war. Erhalten war der noch im letzten Jahrhundert gegrabene Vorratskeller, doch auch er war bereits mehrfach mittels geteerter Balken erneuert worden, und eine Seite hatte Großvater Ludwig Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit Ziegeln ausgemauert.

In den Mauern dieses patriarchalischen Hauses wurden lange Gespräche geführt, die des Öfteren in hitzigen Diskussionen zwischen Gastgebern, gela-denen Gästen und den vielen Mitgliedern des Wag-nerschen Klans endeten. Anlässe zu Diskussionen und Streits gab es genug.

* * *
1824

Schon die ersten, ganz geringfügigen Erfolge der Kolonisten gaben den in der Nachbarschaft leben-den Gutsbesitzern Anlass zu Überlegungen: worin wohl ihr Geheimnis bestand? Man fand auch eine Antwort: Privilegien. Eine „unverschämt“ niedrige Kindersterblichkeitsrate, der wachsende Ertrag der Felder, die Dörfer sauber und ordentlich, Kolonis-ten, die sich vor niemandem bücken und vor nie-mandem die Mützen ziehen, erstaunlich freundliche Leute … „Begünstigt sind die! Von Steuern befr … ach nein! Die zahlen sie genau wie wir … Aber von der Wehrpflicht sind sie befreit! Davon werden sie immer fetter!“ In der hauptstädtischen und der lokalen Presse entfaltete sich eine Polemik zum Thema „Kolonisten – die neue privilegierte Schicht Russlands“: „geschenktes Land“, „vom Wehrdienst befreit“, „ungehinderte Ausreise garantiert“, „mit einem Wort – der neue Adel!“
Finanzminister Graf Jegor Franzewitsch Kankrin ließ sich, ohne lange zu überlegen, vor den Karren der wutschnaubenden Gutsbesitzer spannen und schlug eine fünfhundert Rubel betragende Rekru-tenabgabe von jedem Kolonistengehöft vor.

„Von Adel bin ich hinterrücks, ’nen Arschin hab ich in der Büx“, dalberte Ludwigs Bruder Christoph und griff sich durch die Hose an seinen Allerwertesten, während er versuchte, auf Russisch einen Kalauer zu verfassen, als Antwort auf die Worte des Bruders: „Auf deren Feldern machen die Leibeigenen die Rücken krumm, und auf den unseren unsere eigenen Kinder … Wir machen uns selbst zu Knechten.“
„Die Luft würgen sie uns ab, die Halunken! Die Luft zum Atmen!“, Ludwig schlug mit der Faust auf den Tisch. „Sein ganzes Leben hat Vater geschuftet, um das Haus hier abzuzahlen, und das zweite haben wir mit gemeinsamer Anstrengung errichtet … Kurz und gut, es ist einfach nicht zu schaffen, dass jeder seinen eigenen Hof bewirtschaftet … Wir werden Fünfwänder bauen und mit jeweils zwei Familien unter einem Dach leben, die gemeinsam eine Landwirtschaft betreiben.“
„Ist ja nichts Neues – wir hocken eh schon mit zwölf - sechzehn Mann an einem Herd …“

„Was denn, Ludwig, du hast doch schon zwei Söhne, gib doch den einen zum ewigen Dienst …“
„Hundsdreck, nur nicht zum Militär … Wir ha-ben einen Vertrag – wir alle, auch unsere Kinder sind vom Wehrdienst befreit …“

Zur selben Zeit wies Jegor Franzewitsch Alexan-der dem Ersten ein Exemplar jenes Manifests, das die Großmutter des Imperators, Katharina die Zwei-te, herausgegeben hatte, und in dem der Minister auf der dritten Seite Paragraph 7 unterstrichen hatte, welcher lautete: „Aller obengenannten Vorteile und Einrichtung haben sich nicht nur diejenigen zu erfreuen, die in Unser Reich gekommen sind, sich häuslich nieder zu lassen, sondern auch ihre hinterlassenen Kinder und Nachkommenschaft, wenn sie auch gleich in Rußland geboren, solchergestalt, daß ihre Freyjahre von dem Tage der Ankunft ihrer Vorfahren in Rußland zu berechnen sind.“
„Eure Majestät, mit diesen Worten – ihre Frei-jahre von dem Tage der Ankunft ihrer Vorfahren in Russland zu berechnen – gab Katharina die Große uns die Freiheit, die Anzahl dieser Freijahre festzu-legen … Es kann doch nicht sein, dass alle Nach-kommen auf immer und ewig … Von diesen Nach-kommen gibt es, bei dieser Geburtenrate in den Kolonien, bald eine Million.“
„Verehrtester Graf, ich brauche keinen Kolonis-ten mit der Waffe in der Hand, ich sehe ihn lieber hinter dem Pflug … Noch sind zu wenige Jahre vergangen, um ihn zu den Unsrigen zu zählen, noch ist er nur auf dem Papier russischer Untertan, im Herzen gehören die Siedler noch lange nicht zu uns … Die Aushebung von Rekruten würde sie aufschrecken, und viele von ihnen würden ins Ausland ziehen, in andere Kolonien … Nein, Jegor Franzewitsch, diese Freijahre reichen noch nicht aus …“

Im Ukas Alexanders I vom 23. Dezember 1824 wurden die Kolonisten „auf ewige Zeiten“ vom Wehrdienst befreit.

* * *
1874

Beständigkeit können wir nirgends beobachten – alles um uns wandelt sich, mal schneller, mal lang-samer, und im Schneckentempo verändert sich sogar das Firmament. Doch ist dem Menschen der unbändige Wunsch eigen, zumindest etwas zu verewigen – so, dass es ein für alle Mal ist, und alles klar, und ohne Wenn und Aber.

Die „ewigen Zeiten“ währten für die Kolonisten, die aufgrund des Manifests nach Russland gekom-men waren, ein gutes Jahrhundert. Kein Wunder, haben doch im Russischen die Worte für Jahrhun-dert und Ewigkeit – Wek und Wetschnost – densel-ben Wortstamm.

Im Manifest des Zaren Alexander II vom 1. Ja-nuar 1874 hieß es: „Die Macht des Staates besteht nicht allein in der zahlenmäßigen Stärke des Heers, sondern vor allem in dessen moralischen und geisti-gen Qualitäten, die nur dann eine hohe Entwicklung erfahren, wenn die Verteidigung des Vaterlandes zur Sache des gesamten Volkes wird, wenn sich alle, ohne Ansehen von Stand und Vermögen, in dieser heiligen Pflicht vereint sehen.“

Die Verordnung von 1874 „Über die Wehr-dienstpflicht“ wurde de facto zum Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht. Ihr erster Paragraph laute-te: „Der Schutz von Thron und Vaterland ist die heilige Pflicht jedes russischen Unterthanen …“


„Oh nein, das lasse ich nicht zu! Meine Kinder werden keine Waffe in die Hand nehmen!“, empörte sich Johann August auf dem Familienrat, noch immer im selben Elternhaus. In diesem Februar hatten anhaltende Schneestürme gewaltige Schneewehen auf den Straßen und Höfen angehäuft, und die nordwestliche Seite des Hauses, in dem sich die Wagners am Abend versammelt hatten, war bis zur Hälfte mit Schnee zugeschüttet. „Diese Herren können sich bei der Aufteilung auf irgendwas nicht einigen, und ziehen dann die Völker in ihre Scharmützel mit rein.“

„Was willst du machen, August! … Die Wehr-pflicht ist für alle russischen Untertanen eingeführt worden … Befreit sind nur die, die die Staatsange-hörigkeit nicht angenommen haben …“

„Und die sie nicht angenommen haben, werden mit solchen Steuern belegt, dass …“, warf Johann Philipp ein, der Bruder Jakobs, des Hofbesitzers, und wurde sogleich von ihrem Vetter August unter-brochen:

„Das Recht auf Ausreise hat uns bisher noch niemand genommen … Wir emigrieren nach Ame-rika!“

Eine solche Wendung des Gesprächs hatte nie-mand in der verrauchten, gut geheizten Stube erwartet, und alle starrten den „Aufrührer“ in Erwartung einer Erklärung an.

„Heute drücken sie uns die Wehrpflicht auf, morgen machen sie die Grenzen zu, und dann, ehe man sichs versieht, müssen alle russisch sprechen, und wird unser Glaube unterbunden, und werden alle zu Rechtgläubigen umgetauft …“

Johann August wandte den Blick hin und her, bestimmte im Kopf die Himmelsrichtung, tickte mit dem Finger in den östlichen Zimmerwinkel und meinte:

„Hier stellst du die Ikone der Gottesmutter auf, Jakob, und zündest ein Lämpchen davor an.“

„Wie – müssen alle russisch sprechen? Kann man uns denn zwingen? Erstmal müssen sie’s allen beibringen … Und dafür – weißt du, wie viel Leh-rer sie dafür brauchen? An der Wolga gibt es schon eine Viertelmillion Kolonisten, und man bräuchte …“, Philipp kratzte sich den Schädel. „Man bräuch-te wahrscheinlich mindestens tausend Schulen.“

„Die Kirche nehmen sie uns nicht … Alle Zaren haben zu allen Zeiten die Glaubensfreiheit garantiert … Sag uns lieber, warum nach Amerika? Wer hat dich denn darauf gebracht?“, schaltete sich Karl in das Gespräch ein, der gemeinsam mit seinem Bruder Georg in einem Fünfwänder wohnte. (Karl und Georg waren leibliche Brüder von Philipp und Jakob, dem Gastgeber).

„Die Mennoniten. Die haben in Samara einen Sammelpunkt für Ausreisewillige eröffnet. Im Mai geht’s los, über Petersburg nach Amsterdam, und von da aus weiter nach New York …“

„Du willst dich doch wohl nicht den Mennoniten anschließen?“

„Und wenn schon! Im Unterschied zu uns sind die sich einig, die stehen fest füreinander ein, nicht so wie hier in Glarus, wo jeder sein eigenes Ding macht … Die hatten sie für zwanzig Jahre vom Wehrdienst befreit, und ihnen nach Ablauf dieser Frist einen Zivildienst versprochen – als Jäger, Waidmänner, oder bei der Post … und jetzt haben sie alles rückgängig gemacht: zahl dreihundert Ru-bel oder ab zu den Soldaten … Dabei verbietet ihnen ihre Religion zu kämpfen …“

„Und wenn ihr Dorf mal von Banditen überfallen wird, was machen sie dann?“, fragte Jakobs zwanzigjähriger Sohn Alexander, der bis dahin kein Wort verloren hatte, respektvoll.

„Sie geben ihr Letztes, weil ja nicht Gott die Banditen erschaffen hat, sondern die Menschen haben sie dazu gemacht …“

„Und wenn die anfangen zu morden?“

„Dann ist es wohl Gottes Wille …“

„Hör auf, Bruder, dummes Zeug zu reden“, stöhnte Johann Jakob, den sie neuerdings immer öfter einfach Jakob nannten.

Er geriet außer sich, wenn jemand ständig Gottes Willen erwähnte; die Bibel las er seit langem nicht mehr, und seiner gottesfürchtigen Ehefrau Maria hatte er anbefohlen: „Dass mir dieses Buch nie mehr unter die Augen gerate!“ Und so war es dazu gekommen:

Jakob hatte einmal in einer Zeitschrift einen auf-klärerischen Artikel über den Wasserkreislauf in der Natur gefunden. Nachdem er ihn studiert hatte, holte er die unter dem Bett liegende Bibel hervor, blätterte darin, fand die entsprechende Seite und las laut vor: „Das Wasser aber schwoll immer mächtiger an auf der Erde, so dass alle hohen Berge, die unter dem ganzen Himmel sind, bedeckt wurden.“

Jakob sprang vom Bett hoch und setzte sich auf den Rand der Schlafstatt.

„Und woher soll soviel Wasser gekommen sein, „alle hohen Berge“ „unter dem ganzen Himmel“ zu bedecken?“

Mit dieser Frage begann er, den Pastor seiner Gemeinde zu behelligen. Er führte dem Ärmsten einen unwiderlegbaren Beweis für die Absurdität der Geschichte von der Arche Noahs an:

„Schöpfen Sie doch mal einen Eimer Wasser aus dem kleinen See am Alten Adam und gießen sich den über den Kopf, und dann schöpfen Sie noch mal und gießen noch mal, und dann wieder und wieder … Na, und wird das Wasser im See ansteigen oder nicht? So eine Überschwemmung kann an einem bestimmten Ort geschehen, aber niemals zur selben Zeit auf der ganzen Erde!“

Anfänglich hatte der Pastor noch versucht, dem Wort der Wissenschaft gemäße Beweise zu finden, nahm aber sehr bald Abstand von diesem Vorhaben und erklärte, man müsse die Geschichte von Noah sinnbildlich verstehen, „und nicht so wie du, wortwörtlich.“

„Und alles andere, was da geschrieben steht, muss ich das auch mehr als eine Art Allegorie ver-stehen – oder wie?“

Zu derartigen Diskussionen war der Diener Got-tes nicht bereit und beendete jeden weiteren Disput auf brüske Weise:

„Es existieren natürliche Dinge, und widernatür-liche und übernatürliche, und letztere liegen in der Hand Unseres Herrn. Deine Sache ist es, zu glau-ben, und nicht umherzutönen!“

Bei sich dachte er: Man sollte in den Schulen unbedingt die Christenlehre verstärken, damit solche Zweifel ausgerottet werden … nur unsere Protestanten stellen solche Fragen, die Katholiken wagen nicht mal, so was zu denken.

Seitdem besuchte Jakob den Gottesdienst nur noch an Feiertagen und nannte im engsten Kreis den Verfasser der Bibel einen völligen Dummkopf, dem genau solche Dummköpfe gefolgt seien. Wenn man ihm zur Antwort gab, in der Heiligen Schrift offenbare sich der Allmächtige selbst, antwortete er, dass Gott solchen Unsinn nicht verfasst hätte: „Betrug ist das, klarer Betrug!“

„Ja, glaubst du denn überhaupt an Gott? Gibt es deiner Meinung nach einen Gott?“

„Den gibt es. Doch hüllt Er sich in Schweigen und flüstert niemandem etwas ein!“

„Wieso?“

„Genau so!“

Der Hausherr erhob sich von seinem Stuhl, rieb sich mit der Faust das Kreuz und sagte, dass man zum sechsjährigen Wehrdienst nur Söhne aus Fami-lien einberufe, in denen genügend Arbeitsleute vor-handen seien, so habe es ihm der Dorfschulze er-klärt, und aus Glarus würde nur ein Rekrut im Jahr eingezogen, der per Losverfahren zu ermitteln sei.

August ging über diese Erläuterungen hinweg.

„Noch bin ich kein Mennonit, Brüder, aber ich werde mit ihnen gehen, und dann sehe ich weiter … Bis Mai muss ich alles verkauft haben … Mein erworbenes Land teilt unter euch auf.“

* * *
1898

Und so sind wir im Grunde schon im nächsten Teil unserer Erzählung angelangt. Obwohl die Zahl der Kolonisten aufgrund der Emigration gesunken war, stellten die Wolgakolonien, die sich in den Jahren davor ausgeweitet hatten, Augenzeugen zufolge das Paradies auf Erden dar. Hier blühten und dufteten die Obst- und Blumengärten. Die Flüsse trugen ihr klares, sauberes Wasser – Grundlage bäuerlichen Wohlstands – gleichmäßig durch viele verschlunge-ne Adern hinab zur Wolga. In den großen und klei-nen Seen, den Fischteichen und Buchten gab es vielerlei Fisch. Auf den Feldern setzten Weizen, Roggen, Gerste und andere Getreidekulturen ihre Ähren an. In den Gemüsegärten reiften Wasser- und Zuckermelonen. Alles war wahr geworden, was in der Präambel des Vertrags mit jenen Kolonisten gestanden hatte, die auf Katharinas Einladung hin an die Mittlere und Untere Wolga gekommen waren. Es war wahr geworden, doch nicht gleich, sondern hundert Jahre später im Ergebnis beharrlicher Arbeit.
Nur eines war nicht geschehen – die Russifizie-rung der Kolonien. Selbst nach Ablauf von über hundert Jahren waren die Deutschen Deutsche ge-blieben. Und nicht nur das: die Pedanterie, Direkt-heit im Urteil und in der Rede, Ehrlichkeit, Unbe-stechlichkeit, Arbeitsliebe und andere für die Deut-schen typische Eigenschaften hatten sich noch wei-ter ausgeprägt. Solche Charakterzüge waren selbst in Deutschland kaum noch zu finden; hier aber, in Russland, waren sie förmlich erstarrt, durch die Arbeit gefestigt, und hatten eine bemerkenswerte Beständigkeit erlangt. Doch widersetzte sich der Charakter der Russen, die in den Kolonien lebten, ebenso beharrlich jeder Veränderung. Wie zum Beispiel Iwan Semjonow, der sich mit Elisabeth Lüst verheiratet hatte und in die Kolonie Glarus gezogen war. Er trug sein Hemd mit störrischer Hartnäckigkeit über der Hose, obwohl die Kolonisten sich darüber lustig machten. Die Russen wurden hier „Gebundene“ genannt, und ärgerte sich jemand über ihre Dickköpfigkeit, hieß es: „Ein Russe hat einen Russen im Busen“, allerdings klang es im Dialekt so: „Ein Ruß hat noch ein Ruß im Busm“. Mit einem Wort: die Deutschen änderten sich nicht, um die Traditionen der fernen Heimat zu bewahren, die Russen aber, weil hier ihre Heimat war.
„Noch was, ich werd mich doch nicht wie ein Deutscher kleiden! Wenn mich Bekannte so erbli-cken würden, würden sie mich ja auslachen“, erklärte Iwan, warum er sich nicht auf die Art der Kolonisten kleiden wollte.
Auch die Sprache lernte er nicht. Er verständigte sich auf Russisch, und wenn man ihn nicht verstand, flocht er ein paar deutsche Wörter ein. Wenn auch das nichts half, wandte er sich um Hilfe an seine Frau.
„Euch zwingen sie sowieso bald, russisch zu sprechen, Alexander Iwanowitsch, also lernen Sie doch lieber von mir, als dass ich bei Ihnen lerne“, reflektierte Iwan Fjodorowitsch Semjonow in der Schmiede der Familie Wagner, wo er nach sechs gern mal hereinsah. Zu dieser Uhrzeit hatte Alexan-der seine Arbeit in der Regel beendet und war beim Aufräumen, so dass er sich nebenbei unterhalten konnte. Iwan Fjodorowitsch kam nicht nur der Un-terhaltung wegen, sondern auch, um ein Tässchen des aromatischen Kräutertees zu trinken, den der Schmied zum Ende seines Arbeitstages aufbrühte. „Was ich tagsüber an Schweiß vergieße, fülle ich abends mit zwei – drei Bechern Tee wieder auf.“
„Dein Teechen ist gut, Iwanitsch – an Kräutern sparst du nicht.“
„Nicht nur an Kräutern, auch Hagebutten nehme ich reichlich. Meine Katja sammelt und trocknet den ganzen Sommer lang. Ich hab sogar noch Reserven vom vorletzten Jahr.“
Beim Tee wurde der ansonsten eher maulfaule Schmied gesprächig und unterhielt sich zu Semjonows Freude lebhaft mit ihm. Iwan betrübte nur, dass Alexander nach dem üblichen Tee das Gespräch abrupt beendete, seinen Gesprächspartner hinausbegleitete und, nachdem er die Schmiede zugesperrt hatte, heim eilte oder sein Pferd sattelte und nach Majanka flog – einer Ausbausiedlung südöstlich von den Kolonien Glarus und Schaffhausen. „Dieser herzlose Deutsche“, schimpfte Iwan Fjodorowitsch auf dem Heimweg vor sich hin. „Wie ein Irrer – bloß schnell zu seiner Katja! Lässt einen mitten im Wort stehen, der Puter!“
Heute hatte es der Schmied eilig, zur Ausbau-siedlung zu kommen. Drei Jahre zuvor hatten die Brüder Alexander und Karl sich entschieden, Pferde zu züchten, und hatten den Hof in Majanka gegründet. Den ganzen Sommer über hüteten Alexanders Söhne abwechselnd die Pferde. Ihre Mutter Katharina kümmerte sich mit den Töchtern Sophie und Auguste um die Wirtschaft.
Dem Schmied bereitete Sorge, dass Glarus in diesem Jahr nicht einen Rekruten stellen sollte, wie früher, sondern ganze vier. Wie immer gab es den Vorschlag, per Los zu entscheiden. Alexanders mittlerer Sohn Friedrich (auf russisch Fjodor genannt) war im März einundzwanzig geworden, und ihre Familie sollte am Losverfahren teilnehmen.

Die Sonne hatte gemächlich die Wolga überquert und verschwand gerade hinter dem Horizont. Die Schatten der einzeln stehenden Bäume wurden län-ger. In die Talsenken kroch undurchdringliche Fins-ternis. Das Gebäude des Pferdestalls wirkte um diese Zeit um gut ein Dutzend Arschinen länger. „Nächstes Jahr bauen wir an – versetzen die Mauer so um fünfzehn Schritt“, überschlug Alexander im Kopf die bevorstehende Erweiterung des Hofes. Er betrachtete seinen Familiensitz von der Anhöhe aus: von hier aus war das gesamte Gehöft (der Chutor, wie der Schmied es gern nannte) gut zu überblicken.
Die Pferde drängten sich bereits ungeduldig im Pferch, hinter dessen breiter, noch geschlossener Pforte die Brüder mit Kleie vermischten Hafer in die Futterkrippen füllten. Auf der anderen Seite des Weges, der in den Innenhof führte, befanden sich ein großer, mithilfe von Holzstangen abgezäunter Auslauf und ein dazugehöriger Stall – das Reich des Zuchthengstes, Siegfried genannt. („Er soll genügend Platz haben, wenn er sich mit den Stuten vergnügt.“) Muskulös, gewaltig, mit glattem seidigen Fell, kam Siegfried nahe an den Koppelzaun heran, schlug mit dem Huf auf die trockene Erde und blickte gierig auf die Stuten; sein stoßweises, tiefes Wiehern rollte durch die abendliche Luft. Der achtzehnjährige Hengst erfüllte seine Aufgabe noch immer zur Zufriedenheit – er deckte ausnahmslos alle, ohne grob zu sein und mit großer Sachkenntnis. Jede ihm anvertraute Stute umwarb er stundenlang, trieb sie ausdauernd mit leisem Wiehern durch den Auslauf, rieb seine Schnauze an ihrer Seite, und irgendwann lief die Stute zur Verwunderung aller von ganz allein in Richtung Pferdestall und der erregte Siegfried folgte ihr langsam, vorsichtig die Beine setzend, worauf sich dort, unter der Überdachung, abseits der neugierigen Blicke, das von der Natur vorgesehene Wunder vollzog, in dessen Ergebnis die Herde und der Wohlstand des Bauernhofes wuchsen.
„Das Schicksal meint es gut mit dir, Siegfried … kannst das Leben genießen“, sagte Alexander, der sich an dem gepflegten mächtigen Hengst freute.
Siegfried spitzte die Ohren und wandte den Kopf für einen Augenblick seinem Herrn zu, doch gleich darauf wurde seine Aufmerksamkeit wieder von der zweijährigen Stute in Anspruch genommen, die neugierig in seine Richtung schielte.

Heute Abend war der Familienvater aufgewühlt und äußerte seine Besorgtheit freiheraus:
„Der Welt droht ein großes Unglück. Die berufen doch jetzt nicht zum Spaß vier Rekruten pro Kolonie ein … Und was da alles in den Zeitungen steht! Als hätten sie alle den Verstand verloren. Wetteifern um die meisten Kanonen, haben Kriegsschiffe noch und nöcher gebaut … Bereiten sich auf einen Krieg vor, diese Unmenschen, haben den Rest der Welt noch nicht unter sich aufgeteilt …
„Wer bereitet sich vor?“
„Die Reichen, wer sonst?! Wer außer denen braucht denn einen Krieg? Für die sind wir Kano-nenfutter und keine Menschen … Wir hätten mit den Mennoniten nach Amerika gehen sollen.“
„Beruhigt Euch doch“, unterbrach Andrej, der Älteste, den Vater. „Wehrdienst ist doch noch kein Krieg.“
„Fünf Jahre Wehrdienst, dann noch fünfzehn in der Reserve – bis dahin haben wir den Krieg. Mein Herz kann es spüren – es werden keine zehn Jahre mehr vergehen, bis es kracht.“
„Heinrich Trerin hat seine Zeit abgedient, ist zu-rück und hat jetzt in Saratow ein Unternehmen er-öffnet … Spricht fließend russisch“, schaltete sich der jüngste Sohn Johann ein, der, wenn er nur dürf-te, sofort als Freiwilliger zum Heer gehen würde.
Der Halbwüchsige hegte eine offene Begeiste-rung für Heinrich, der kürzlich ihren Hof aufgesucht hatte, um fünf Pferde zu kaufen. Dieser hatte nach eigenen Worten in einem Dragonerregiment gedient und nannte sich stolz Dragoner. Böse Zungen behaupteten allerdings, er sei nur Trossknecht gewesen und habe die ganzen fünf Jahre Pferdeäpfel weggeräumt. Wie auch immer, Heinrichs Haltung war die eines Offiziers, und auch seine Manieren hatten sich merklich verändert. Erzählt wurde auch, er sei bis über die Ohren in irgendein russisches Fräulein verliebt.
„Wenn du Russisch lernen willst, brauchst du nicht im Heer zu dienen, das kannst du auch in der Schule … Solltest mehr mit deinem Lehrer reden!“
„Aber unser Lehrer kann selbst nicht ordentlich Russisch. Der Schulinspektor hat in der Literatur-stunde Tränen gelacht, als Marie Schmidt (unsere beste Schülerin!) ein Gedicht aufgesagt hat. Außer „Nascha Dascha sa Bukascha“ hätte er nichts ver-standen, hat er gesagt, aber angehört hätt’ es sich wie aus einer ihm unbekannten slawischen Sprache. Unser Gebundener Semjonow hat mir schon mehr Russisch beigebracht als der Schullehrer!“

Johann lachte selbst über seine Äußerung, wurde aber von seinem Vater ärgerlich zurechtgewiesen:
„Halt den Mund! Bist noch zu jung, um so im Kreis Erwachsener zu schwätzen …“ Der Vater wandte sich an den mittleren Sohn und fuhr fort: „Morgen ist die Auslosung … Du stehst mit auf der Liste.“
„Steh ich halt drin, geh ich halt dienen … Wenn Gott will, komm ich glimpflich davon.“
„Gott will gar nichts! Er schickt auch niemanden in den Krieg! Gottlose Verbrecher sind das, die die Soldaten in den Krieg hetzen … Stecken dir ein Gewehr in die Hand, zwingen dich zu töten, und am Ende bist du selbst ein Verbrecher, ein Mörder nämlich.“
Fjodor hätte am liebsten etwas entgegnet, hielt sich jedoch zurück. Die endlosen Diskussionen über Angreifer und Verteidiger, über Ursachen und Folgen aller möglichen Auseinandersetzungen und darüber, wer recht habe und wer schuldig sei, endeten jedes Mal in einer Sackgasse. Alle Argumente waren bereits erschöpft; es blieb nur noch, sich auf den Allmächtigen zu berufen.
„Gott hat die Pflicht, die Verbrecher aufzuhal-ten!“
„Wie soll er sie aufhalten? Er kann nicht einmal ein Staubkörnchen wegpusten, weil Er in uns ist, und nicht hier, und reden tut er mit allen Menschen …“
„Dann soll er sie über das Gespräch auch aufhalten …“
Und so weiter und so fort. In irgendeiner Zeitung hatte Fjodor mal die Abhandlung eines Historikers über die Aufteilung und Umverteilung der Welt gelesen. Die Schlüsse des Autors jenes Artikels erschienen ihm klar und nachvollziehbar, und jetzt wusste er mit Sicherheit, dass die Aufteilung der Welt abgeschlossen war, die Neuverteilung aber bis ans Ende der Zeiten anhalten würde, da sich die Staaten unterschiedlich schnell entwickelten. Und sobald einem von ihnen ein Sprung nach vorn gelingt, wird er sofort danach trachten, seinen Nachbarn ein Stück Land zu entreißen und es sich einzuverleiben.
Der Vater liebte es, nach einem Arbeitstag im Kreise seiner Söhne ein wenig zu philosophieren, wie er es ausdrückte, obwohl ihm des Öfteren die Argumente ausgingen und er sich in die Enge ge-trieben fühlte. Dann reagierte er hitzköpfig, unter-brach seine Söhne mitten im Wort oder aber brach die Diskussion ganz ab – um am nächsten Tag aufs Neue zu dem unterbrochenen Streitgespräch zu-rückzukehren oder ein anderes Thema ins Gespräch zu bringen, das ihn bewegte. Romane und irgendwelche sonstigen Dichtereien erkannte Alexander nicht an (sinnlose Zeitverschwendung!), die Begeisterung seines Sohnes Fjodor für Zeitungen und Zeitschriften aber war ganz nach seinem Geschmack. Fjodor wurde zweimal monatlich nach Katharinenstadt gesandt, um Einkäufe zu erledigen, und dort kaufte er billig alte Zeitungen und Zeitschriften auf.
Der Vater brach den Streit wegen der bevorste-henden Auslosung ab (der sowieso nichts ändere, und morgen würde sich auf dem Schulzenhof alles zeigen), und brachte das Gespräch auf ein Gerücht, das in der Gegend umging: Heinrich Trerin habe sich wohl einer Saratower Zelle der Narodniki an-geschlossen; man müsse sich vor ihm vorsehen.
„Vier Jahre ist es erst her, dass sie diese Brüder auseinandergejagt haben, und schon sind sie wieder da!“, schimpfte Alexander beunruhigt und verärgert. „Wenn sich erweist, dass das wahr ist, lass ich ihn nicht über unsere Schwelle.“
„Und was wird dann aus unserer geplanten Foh-lenzucht?“, erklang fast einstimmig ein Aufschrei der Söhne. Die Sache war die, dass Heinrich, nach-dem er bei Alexander fünf Hengste gekauft, diesem von seinen weitreichenden Plänen berichtet hatte: „Wir eröffnen in Saratow eine neue Pferderennbahn, und züchten die Rennpferde bei dir im Gestüt …“
„Was hat es dann noch für einen Sinn, sich mit ihm zusammenzutun? Die Gendarmen werden ihn verfolgen und ins Gefängnis stecken, und dann habt ihr eure Rennbahn … Diese Taugenichtse wiegeln alle auf, drängen sich an die Macht, und wenn sie die haben, ergeht’s uns schlecht. Dann schon lieber den Zar, einen anderen brauchen wir nicht …“
„Was sind das schon für Narodniki! Die gibt’s schon lange nicht mehr; jetzt kommen immer mehr die Sozialisten in Mode“, warf der älteste Sohn Andrej ein. „Deren Führer sind Friedrich Engels und Karl Marx. Und Heinrich ist ganz und gar kein Marxist, der hat aus purer Dummheit nur laut sein Mitleid mit einem Saratower Bekannten geäußert, den sie nach Sibirien verbannt haben, als Heinrich beim Heer war …“
Fjodor wühlte in einem Packen alter Zeitungen, die auf dem Tisch lagen, zog ein vergilbtes Blatt heraus und las vor:
„Die Eroberung der politischen Macht wird zur großen Pflicht des Proletariats! – Das ist es, was die Deutschen jetzt den Völkern des Planeten beibrin-gen. Uns betrifft das allerdings nicht: wir haben schließlich kein Proletariat, es gibt also auch nichts zu erobern!“
„Um uns schert sich doch sowieso keiner. Ers-tens sind wir Bauern, zweitens dem Zaren hündisch ergeben, drittens verstehen wir kein Russisch …“

„Darum geht es nicht, Andrej. Es ist einfach so, dass bei uns acht von zehn Bauernhöfen florieren, und zwei zurechtkommen. Und in den russischen Dörfern ist es umgekehrt: acht können gerade so existieren und nur zwei sind wirklich erfolgreich. Die Sozialisten aber brauchen ein unzufriedenes Volk, ein verarmtes. Deshalb gibt es für sie hier in unseren Dörfern und in Katharinenstadt nichts zu tun …“
„Und ich glaube Folgendes“, erklärte das Ober-haupt der Familie lautstark. „Unzufriedene Men-schen lassen sich immer finden, sogar bei uns. Nur – unsere Bauern gehen nicht bei denen an den Haken, weil wir von unserer Wirtschaft keinen Schritt wegkommen … Arbeiten den lieben langen Tag, sind voll ausgelastet. Du sagst, wir hätten keine Arbeiterklasse? Und die Sägearbeiter? Die haben in der Stadt ein Artel gegründet, und jetzt treibt sich ihr Brigadier in den Dörfern herum, bietet ihre Arbeit an. Früher sind sie einfach durchs Dorf gekommen, haben hier Brennholz gesägt, da Holz gehackt und gestapelt, ihr Geld erhalten und dann eine Woche lang versoffen. Und das läuft jetzt anders: ihr Brigadier ist ein strenger Kerl, scheucht sie bis in den tiefsten Herbst zur Arbeit. Ihr Geld kriegen sie erst zum Saisonende auf die Pfote, und dann können sie damit machen, was sie wollen. Mit ihrer Zeit wissen sie nichts anzufangen, und so kommen sie auf dumme Gedanken. Und da haben die Sozialisten, diese Spitzbuben, leichtes Spiel und schieben ihnen die Idee von der „Eroberung der politischen Macht“ unter. Na, hab ich recht oder nicht?“
„Was Ihr sagt, Vater, ist wie immer sehr folge-richtig“, bemerkte der jüngste Sohn Johann trocken und hob, Heinrich Trerin nachahmend, die Augen zur Decke, womit er tiefe Nachdenklichkeit de-monstrierte. „Das Proletariat muss auch in der Zwi-schensaison Arbeit bekommen.“ (Das Wort „Prole-tariat“ hatte Johann von Heinrich, der, als er den jungen Freund in seine Pläne einweihte, gesagt hat-te, dass er die Proletarier des Katharinenstädter Ar-tels im Winter beim Bau der Wirtschaftsgebäude bei sich in Saratow beschäftigen wolle.)

Alle blickten den Halbwüchsigen interessiert an. Fjodor, der begriff, woher der Wind wehte, grinste, Andrej schwieg, der Vater aber dachte bei sich, man muss ihn von diesem Heinrich fernhalten, der ist älter und setzt dem Jungen nur Flausen in den Kopf. Laut aber sagte er, und in seiner Stimme klang kaum unterdrückter Stolz mit:
„Du warst für dein Alter schon immer schlau, immer vorneweg, aber jetzt bist du ja ein ganz Wei-ser geworden!“
Mit diesem „vorneweg“ spielte der Vater auf ei-ne Geschichte an, deren Erwähnung die Familie stets zum Lachen brachte. Vor fünf - sechs Jahren hatte Alexander vor jedes seiner Kinder ein Ei ge-stellt und verkündet: „Wer seines als erster aufisst, bekommt noch eins.“ Johann ergriff sein ungepelltes Ei, steckte es, ohne lange zu überlegen, in den Mund und kaute es gründlich durch.

An diese Geschichte erinnert, lachten die Anwe-senden allesamt los, und Mutter, die dabei war, das Abendessen zu bereiten, prustete: „Dieses Ei wird ihm für immer anhaften.“
„Johann haftet das Ei an, und uns Wagners allen die Eiche, der Alte Adam. Sie fängt an, trocken zu werden … in diesem Jahr ist ein Ast nicht ausge-grünt.“ Nach einer Pause fügte der Vater hinzu: „Kein gutes Zeichen ist das.“
Von seiner Beziehung zum Alten Adam wussten nicht nur die Familienangehörigen, sondern das ganze Dorf. Danach, wie und wann das Blattwerk der Eiche sich verfärbte, sagte Alexander das Wetter für den bevorstehenden Sommer voraus. Sie machten sich darüber lustig, und doch hörten sie auf seine Prognose. Wann immer er an der Eiche vorbeikam, stieg er vom Pferd, ging an den Baum heran, klopfte und strich mit der Handfläche über den Stamm und sprach zu ihm. Nach dem Gottesdienst kam er oft hierher, „um nachzudenken“, und saß bis zum Mittag auf der Bank. „Der Baum spricht mit mir, ich spüre das, und im Gespräch wird die Wahrheit geboren, wie ihr wisst“, erklärte er seiner Familie. „Durch das Gespräch mit dem Baum hab ich schon viele gute Entscheidungen getroffen.“
„Du solltest nicht mit dem Alten Adam reden, sondern mit Gott“, versuchte Katharina den Mann auf den Pfad der Wahrhaftigkeit zurückzubringen.
„Vermittels des Baumes rede ich ja gerade mit Gott, so fällt es mir leichter. Hast du denn nicht gelesen in der Schrift, wie die Vorväter gebetet ha-ben – von Anhöhen, unter Eichen und Feigenbäu-men?“
Nach dem tragischen Geschehnis, das seinem Vater Jakob zugestoßen war, begann Alexander, der Eiche auch noch die Gabe der Hellseherei zuzuschreiben. Und das war so.

Einmal, als sie im Schatten unter der Eiche sa-ßen, sagte Jakob:
„Morgen fahren wir nach Balakowo.“
Plötzlich begannen die Blätter des Baumes über ihnen, heftig, laut rauschend, zu zittern, und ver-stummten ebenso plötzlich; Stille trat ein. Alexander erhob sich von der Bank, sah sich in allen Richtungen um, versuchte, die Ursache des Phänomens zu ergründen, ließ sich dann aber kopfschüttelnd wieder auf der Bank nieder.
„Kein Wind, kein Hauch, der See spiegelglatt, nicht eine kleine Bewegung zu sehen“, wunderte er sich.
„Nehmen wir an, der Alte Adam heißt mein Vorhaben gut“, scherzte der Vater.
Sie beruhigten sich.
Am nächsten Morgen fuhr Jakob auf seinem Leiterwagen, der bis obenhin mit Wasser- und Zuckermelonen beladen war, vom Hof und schloss sich einer Gruppe von Bauern aus seinem Dorf an. Dieses Mal hatten sie beschlossen, ihre Ware im Norden abzusetzen, und nicht, wie sonst, südlich, in Katharinenstadt.
Zunächst schien Jakob das Glück hold zu sein: in Balakowo verkaufte er die gesamte Ware an einen Zwischenhändler. Die mit ihm gereisten Dorfgenossen, die zum Verkauf Äpfel geladen hatten, hatten weniger Glück und mussten an der Anlegestelle warten, bis sich ein passender Aufkäufer fand.
„Ich fahr schon mal los, werd nicht auf euch warten, übernachte am Tabaksee.“
„Graut’s dir nicht, so allein?“
„Ach was, ich fahre vom Weg ab, versteck mich in einem Wäldchen. Wer soll mich da aufspüren? Auf den Wegen ist auch nichts los, kein Mensch ist uns auf der Herfahrt begegnet.“
Gesagt, getan. Am See fuhr er in den Wald hin-ein, spannte die Pferde ab und ging zum Wasser, um sich zu erfrischen. Hier war es, wo er überfallen wurde. Die Räuber schlugen ihn nieder, nahmen ihm das Geld aus dem Verkaufserlös ab und ließen Jakob besinnungslos am Ufer liegend zurück.
So fand ihn Christian Breitenstein aus seinem Dorf. Dieser hatte seine Melonen ebenfalls verkauft, seinem Bruder die Äpfel überlassen und sich eine Stunde nach Jakob ebenfalls auf den Heimweg gemacht. („Vielleicht hole ich ihn noch ein, wenn nicht, finde ich ihn am See.“)
Jakob kam mehrere Tage nicht zu sich, konnte aber, als er wieder aufwachte, zum Erstaunen aller genau über das Geschehene berichten. Er hatte die Räuber erkannt, sie aber ihn nicht, sonst hätten sie ihn wohl totgeschlagen. Die Brüder Tscherepanow aus dem Dorf Tschernucha waren im ganzen Um-kreis bekannt als Schläger und Säufer. Obwohl von den Leuten aus Tschernucha und den umliegenden Dörfern vielerlei Anzeigen gegen sie vorlagen, konnten sie sich ungestraft alles erlauben. Es hieß, in Samara bekleide ein Onkel von ihnen ein hohes Amt, und „wehe einer rührt sie an“.
Nach jenem Vorfall erlosch das Familienober-haupt allmählich. Die schwere Gehirnerschütterung wurde auskuriert, die verletzten Nieren aber verlo-ren ihre Funktion. Sechs Jahre später starb er.

Die beiden Banditen überlebten Jakob nur um ein Geringes, und einer nach dem anderem verschwand aus dem Leben der Dörfler. Den älteren, Pjotr, fand man mit dem Gesicht nach unten in der Mitte des Tabaksees schwimmend, der jüngere verschwand spurlos. Die Gendarmen befragten die örtliche Bevölkerung ausgiebig, kamen auch nach Glarus, konnten aber nichts herausfinden. Es wurde entschieden, dass Pjotr in bezechtem Zustand ertrunken sei, der jüngere aber, alleingeblieben, habe wohl Angst vor den Feinden bekommen, von denen sich die Brüder in ihrem kurzen, sündigen Leben einige gemacht hatten, und habe das Weite gesucht.
Nicht lange vor seinem Tod hatte Jakob aller-dings etwas geäußert, von dem es Alexander ganz unbehaglich geworden war: „Vielleicht hat ja einer von uns dieses Pack erschlagen, aber die Wagners haben schon manches Geheimnis mit ins Grab ge-nommen, keinem was gesagt … Und richtig so! Wozu die Verwandtschaft noch mit einem Geständ-nis quälen …“

Nach Jakobs Beisetzung behaupteten böse Zun-gen, Gott habe ihn dafür bestraft, dass er die Heilige Schrift herabgesetzt habe. Dem wurde entgegnet, der Verstorbene habe das Evangelium aber nicht abgelehnt. Pastor Adam Max, der einmal unfreiwillig Zeuge eines solchen Streits wurde, führte daraufhin lange in seinen Sonntagspredigten unwiderlegbare „Beweise“ für den untrennbaren geistigen Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament an.

Nachdem er ausreichend philosophiert hatte, lenkte Alexander das Gespräch in wirtschaftliche Bahnen, erteilte Anweisung, wer was am nächsten Tag zu erledigen habe, und befahl alle zu Bett.
Am nächsten Morgen fand auf dem Schulzenhof die Auslosung statt. Fjodor hatte Glück – er bleib daheim. Der Grund dafür war einfach: drei von den neun Kandidaten hatten sich freiwillig zum Rekrutendienst gemeldet.
Der Dienst in der zaristischen Armee wurde un-ter der Jugend der deutschen Dörfer immer populä-rer.







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